Das Glück der Sterne
Es war einmal eine Königin, die über ein großes Reich herrschte. Sie war wunderschön, mächtig und alle wollten so sein wie sie. Trotz all dem war die Königin nicht glücklich. Etwas in ihrem Leben fehlte, doch wusste sie nicht, was es war.
Eines Tages ging sie wieder einmal durch die Stadt, die am Fuße ihres prunkvollen Palastes lag. Die Menschen jubelten ihr zu, brachten ihr Geschenke dar, doch keines davon machte sie glücklich. Dann, in einer schmalen Seitengasse, traf sie auf einen einfachen Mann, einen Arbeiter. Das Herz der Königin sprang vor Freude und Aufregung und sie wusste, was ihrem Leben fehlte, die Liebe.
Die Königin lud den Mann in ihren Palast ein, versprach ihm Reichtum und Macht, wenn er bei ihr blieb. Der Mann aber lehnte ab, denn sein Herz gehörte bereits einer anderen.
Die Königin war zutiefst verletzt und schickte ihn aus dem Palast. Sie wollte ihn, nur ihn, denn nur seine Nähe würde sie glücklich machen. So versuchte sie alles, um ihn für sich zu gewinnen. Sie schenkte ihm ein prunkvolles Haus, fruchtbare Felder und einen eigenen Brunnen. Der Mann aber blieb weiter bei seiner Frau in dem einfachen Haus und schuftete den ganzen Tag, um am Abend etwas zu essen zu haben. Warum wollte er sie einfach nicht lieben?
Die Königin wurde langsam wütend, versuchte es dennoch weiter, immer und immer wieder. Sie hätte ihm sogar ihr ganzes Reich geschenkt, doch auch das wollte er nicht.
Mit der Zeit wurde die Königin verbitterter. Sie kümmerte sich nicht mehr um ihr Volk und ihr Reich, sondern dachte nur noch darüber nach, wie sie ihn für sich gewinnen konnte. So verließ sie auch den Palast kaum mehr, und wenn sie es tat, sah sie stets ihn mit seiner Frau. Die beiden glücklich zu sehen machte die Königin unglücklich.
Eines Tages konnte sie den Anblick nicht länger ertragen und traf eine Entscheidung. Konnte sie nicht mit ihm glücklich sein, sollte es auch niemand anderes.
In einer klaren Nacht schlich sich die Königin aus dem Palast. Um ihren Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen, brauchte sie Magie, dunkle Magie, und im ganzen Reich gab es nur eine Person, die dazu imstande war. So durchquerte die Königin die Stadt, den dahinterliegenden Wald und selbst die Sümpfe danach. Sie fror, würde aber nicht umkehren. Schließlich kam sie zu einem Berg, auf dessen Gipfel eine alte Hexe lebte. Nur sie konnte ihr helfen.
So nahm die Königin auch diesen beschwerlichen Weg auf sich, schritt über Stock und Stein, bis sie in tiefster Nacht vor der kleinen Hütte der Hexe stand. Die Königin klopfte und trat ein.
Die alte, runzlige Frau saß in einem ebenso alten Schaukelstuhl, die Augen wie im Schlaf geschlossen.
»Was ist Euer Begehr?«, fragte die Hexe und schlug die milchigen Augen auf.
Die Königin schreckte vor Angst zurück.
»Ich brauche Eure Hilfe. In der Stadt gibt es einen Mann, einen, der mich nicht lieben kann, weil sein Herz einer anderen gehört.«
Die Hexe nickte. »Und ich soll dafür sorgen, dass er Euch liebt?«
»Nein«, sagte die Königin mit grimmigem Blick, »ich will, dass auch die beiden sich nicht mehr lieben können.«
Wieder nickte die Hexe, fragte dann: »Was stellt Ihr Euch vor?«
Die Königin dachte nach, erinnerte sich an die unzähligen Sterne, die ihr in der Nacht den Weg geleuchtet hatten.
»Macht beide zu Sternen, dann können sie einander nie mehr wieder berühren.«
»Wie Ihr wünscht, meine Königin«, begann die Hexe, »dafür begehre ich Eure Jugend.«
Die Königin zögerte, willigte schließlich aber ein.
So kam es, dass sie die Hütte mit alter, runzeliger Haut verließ, während die Hexe sich ihrer neuen Jugend erfreute. Am Rückweg in die Stadt sah die Königin in den nächtlichen Himmel empor, wo zwei neue Sterne dicht nebeneinander im selben Rhythmus funkelten. Wieder im Palast war die Königin zufrieden. Ihr Wunsch hatte sich erfüllt.
Die folgenden Nächte beobachtete sie den Himmel und die beiden neuen Sterne, die von Nacht zu Nacht heller strahlten. Die Königin wollte wissen, was es damit auf sich hatte und ging erneut zur Hexe.
»Was habt Ihr getan?«
Die Hexe, nun im Körper einer jungen Frau, lächelte.
»Das, was Ihr von mir verlangt habt.«
»Warum leuchten die zwei Sterne dann immer heller.«
»Der Tod hätte die Liebenden eines Tages getrennt. Als Sterne sind sie nun für die Ewigkeit an der Seite des anderen. Sie sind glücklich.«
Die Königin knurrte verärgert.
»Wie ist das möglich?«
»Ich habe nur ihre Gestalt geändert. Aus Menschen wurden Sterne. Sie haben weiter ein Bewusstsein, Erinnerungen. Sie können sich nicht mehr berühren, aber sich sehen, wenn sie beide den einen Moment lang nicht funkeln.«
»Dann macht, dass sie abwechselnd funkeln, damit sie sich auch nicht mehr sehen können.«
»Wie Ihr wünscht, meine Königin«, sagte die Hexe, »dafür begehre ich nun Eure Schönheit.«
Die Königin nickte und kehrte als hässliche, alte Frau in den Palast zurück, während die Hexe nun jung und schön war. Die beiden neuen Sterne am Himmel funkelten von nun an abwechselnd.
Dennoch sah die Königin, dass sie weiter von Nacht zu Nacht heller strahlten. So suchte sie die Hexe ein drittes Mal auf, um zu fragen, warum dem so war.
»Sie können sich nicht mehr sehen und nicht berühren, aber sie spüren, dass der andere ganz nahe ist. Sie sind glücklich.«
»Dann macht, dass sie auch das nicht mehr können.«
»Wie Ihr wünscht«, sagte die Hexe, »dafür begehre ich Euren Reichtum.«
»Was immer Ihr wollt«, knurrte die Königin und kehrte zum Palast zurück, eine alte, hässliche und arme Frau, während die Hexe jung war, hübsch und nun alles Gold der Welt besaß.
Doch auch diesmal strahlten die Sterne in jeder Nacht heller als in der zuvor, und so suchte die Königin ein letztes Mal die Hexe auf, die nun in einem schönen, großen Haus lebte.
»Was ist nun schon wieder?«, fragte die Königin genervt.
»Sie können sich nicht mehr berühren, sehen oder spüren, aber sich an ihre gemeinsame Zeit erinnern, und sie wissen, dass der andere ganz nahe ist. Sie sind glücklich.«
»Dann macht, dass sie auch das nicht mehr können.«
Die Hexe schüttelte den Kopf. »Ich habe bereits Eure Jugend, Eure Schönheit und Euren Reichtum. Ihr habt nichts mehr, das ich noch begehre.«
»Was hätte ich mir sonst wünschen sollen um glücklich zu sein?«, fragte die Königin wütend.
Die Hexe lächelte. »Eben genau das.«
Die Königin stürmte aus dem Haus in die Nacht hinein, in der sie nur wenige Jahre später als alte, hässliche und arme Frau starb. Manch einer sagt, sie starb an Einsamkeit und weil ihr Herz verwelkte.
Die Hexe erfreute sich viele Jahre an ihrer Jugend, Schönheit und dem Reichtum. Bis zu jenem Tag, an dem ihr etwas im Leben fehlte und sie zur Suche aufbrach, jemanden zu finden, der ihr dieses Etwas, diesen einen Wunsch erfüllte.
Nur die beiden Sterne strahlen auch heute noch heller am Himmel, als all die anderen Sterne, denn sie sind glücklich.