Die Gräber der Vergangenheit
Der frische Geruch von Tau weckte Liza an diesem Morgen und holte sie sanft aus einem leeren Traum. Ihr Kopf dröhnte noch vom Alkohol der vergangenen Nacht. Um ihren Mund hatte sich bereits eine Kruste gebildet. Liza drehte sich zur Seite, wollte weiter schlafen, um die Trägheit abzuschütteln. Doch anstelle des warmen Polsters fuhr ihre Hand in feuchte Erde. Die Masse klebte unter ihren Fingernägeln und an ihrem Gesicht. Verwundert schlug sie die Augen auf und kam hoch. Sterne verschleierten ihre Sicht, und das wenige, das sie sah, wankte unter den sanften Wellen des Rausches.
»Was…?
Liza griff sich an den Kopf und wartete bis ihr Blick klarer wurde. Ihr Magen aber rebellierte unter der raschen Bewegung. Liza würgte, schaffte es aber das Essen bei sich zu behalten. Tief sog sie die frische Luft in ihre Lungen und richtete den Blick in den Himmel empor. Dichter Nebel lag über ihr und versperrte ihr die Sicht. Zu allen Seiten nichts als Erde. Schwarze Wände, die sie umschlossen und in der Tiefe hielten. Ein Grab.
Adrenalin schoss durch ihren Körper und erfüllte sie mit neuem Leben. Liza kam auf die Beine und klopfte sich den Schmutz von der Kleidung. Ein rosa Pyjama, auf dem eine Armee kleiner Häschen freudig lächelte. Wie bin ich hier her gekommen?
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um über den Rand zu blicken. Sie war zu klein. Noch einmal sah sie sich um, versuchte sich dann am Aufstieg. Ihre Finger gruben sich in die feuchte Erde, griffen nach dünnen Wurzeln und rissen sie hinaus. Immer wieder verlor sie das Gleichgewicht und stürzte zurück in das feuchte Grab. Lizas bloße Füße waren bereits von Erde verdreckt. Kleine Steine bohrten sich in ihre Haut und hinterließen schmale Wunden, in denen die Feuchtigkeit brannte. Liza seufzte. Mit Tritten schlug sie nun Kerben in die Wände, höhlte sie dann mit den Fingern aus. In ihnen fand sie schließlich Halt und schaffte es nach oben.
Keuchend hielt sie einen Moment lang inne und rang nach Atem. Der Aufstieg hatte sie mehr Kraft gekostet als sie sich eingestand. Den Augenblick der Ruhe nutzte sie, um sich ein weiteres Mal umzusehen. Der Nebel verbarg den Großteil der Umgebung. Nur die Umrisse einer großen Eiche trotzten dem Grau. Ihre Krone ragte nur wenige Meter von ihr in den Himmel empor. Liza drehte sich, um hinter sich zu blicken, über das Grab hinweg. Am Kopfende stand ein schlichter Grabstein. Selbst von hier aus konnte sie ihren Namen darauf lesen. Ein eisiger Schauer beutelte ihren noch schlaftrunkenen Körper und erfüllte ihn mit Unbehagen. Unter ihrem Namen stand ihr Geburtsdatum, daneben auch das Sterbedatum. Liza blickte auf die Uhr an ihrem Handgelenk. Das mit einer Prinzessin verzierte Zifferblatt bestätigte ihre Vermutung. Dieses Datum war heute.
Ihr Blick glitt vom Grabstein hinab und auf eine kleine hölzerne Schatulle, die halb vergraben im Erdreich lag. Zögernd stand sie auf und näherte sich ihr gebückt. Ihr Herz raste und ihr Kopf dröhnte weiterhin. Liza griff nach dem Kästchen und nahm es an sich. Es war verziert, lag leicht in ihrer Hand und ließ widerstandslos öffnen. Im Inneren lag ein buntes, gebundenes Stück Stoff. Bei dessen Anblick bebten Lizas Lippen für einen flüchtigen Moment. In ihre Augen stahl sich ein Glanz, der von unterdrückten Tränen rührte. Sie räusperte sich und atmete tief durch. Dann klappte sie die Schatulle wieder zu - und eine Stimme brach die Stille.
»Hört mich jemand? Holt mich hier raus.«
Liza wandte sich in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Behutsam schob sie sich im Nebel voran, blieb aber schon nach wenigen Schritten wieder stehen. Ein weiteres Grab klaffte vor ihr. Ein junger Mann stand darin, das blonde Haar kurz geschnitten und von Erde beschmutzt. Im Gegensatz zu ihr trug er legere Kleidung, die nicht unbedingt zum Schlafen gedacht war.
»Gott, danke.«
Bei ihrem Anblick senkte er erleichtert den Kopf.
»Alles in Ordnung?«
Der Mann nickte.
»Ja. Hilf mir hier raus.«
Liza sah sich um. Auf dem losen Boden würde sie nur zu ihm hinabstürzen. Sie richtete ihren Blick zur Eiche, als sich etwas davor bewegte. Ein Mann und eine Frau traten aus dem Nebel hinaus und vor sie.
»Hallo«, begann Liza ein wenig überrascht.
»Hallo«, erwiderten die beiden im Chor. Es folgte ein Moment der Stille, in dem sie sich gegenseitig musterten.
»Wisst ihr, was hier los ist?«
»Nein.«
Die Frau trug nichts als Unterwäsche und zitterte leicht. Ihr mahagonibraunes Haar ruhte auf ihrer blassen Schulter.
»Ich bin in einem Grab aufgewacht. Als ich es heraus geschafft habe, habe ich ihn getroffen.«
Sie deutete auf den Mann neben sich.
Liza seufzte.
»Ich war auch in einem Grab.«
»Hallo, ich sitze immer noch hier unten fest.«
»Helft mir mal.«
Liza deutete den beiden und mit vereinten Kräften schafften sie es, den Mann aus dem Grab zu ziehen.
»Danke«, sagte dieser und ließ sich keuchend im Gras nieder. Lizas Blick glitt über die Fremden. Auch der zweite Mann trug nur eine Boxershort. Seine Statur glich der eines Football Spielers. Breit und Muskulös.
»Ich bin Liza.«
Der Mann am Boden hob kurz die Hand.
»Thomas.«
»Wir sind Sally und Marc.«
»Kennt ihr euch?«, fragte Liza an die beiden gewandt.
»Nein.«
Marc spähte zu Sally.
»Wir haben uns vorhin das erste Mal gesehen.«
»Habt ihr auch einen Grabstein?«
Die anderen nickten. Liza kratzte sich die Erde unter den Fingernägeln hervor, spielte nervös mit ihnen.
»Und…und die Schatulle?«
Marc und Sally warfen ihr einen verwunderten Blick zu. Auch Thomas zog eine überraschte Miene.
»Schatulle?«, fragte er.
»Ja, neben dem Grabstein.«
»Was ist drinnen?«, fragte Marc.
Liza musterte ihn einen Moment lang.
»Das möchte ich lieber nicht sagen.«
Thomas neben ihr stand auf und ging um das Grab herum. Links neben dem Grabstein, ebenfalls halb vergraben, fand auch er eine Schatulle. Flüchtig schweifte sein Blick durch die Runde. Dann öffnete er das Kästchen und blickte verstohlen in sein Inneres. Er verschloss es so rasch wieder, wie er es geöffnet hatte.
Stumm kam er zu ihnen zurück und blieb neben Liza stehen. Sein Blick aber hing an Sally und Marc.
»Ihr solltet nachsehen, ob ihr auch eine habt.«
Die beiden tauschten einen fragenden Blick miteinander. Dann aber nickten sie knapp und verschwanden im Nebel.
»Treffen wir uns bei der Eiche«, rief Thomas ihnen nach. Liza nickte und ging schon vor.
»Hauptsache weg von hier«, flüsterte sie.
Die Eiche stand im dem Zentrum der vier Gräber, die, wie sie rasch herausfanden, in alle Himmelsrichtungen zeigten, als wären sie Teil eines grotesken Kompasses. Auch Marc und Sally hielten nun eine Schatulle in Händen, die sich nur in den Verzierungen voneinander unterschieden. Im Gras vor der Eiche lag eine weitere, größere.
»Sollen…sollen wir sie öffnen?«
Sally sah sich fragend um. Ihr Blick wechselte zwischen den beiden Kästchen.
»Ich mache es.«
Marc ging auf den massiven Stamm zu und stellte seine Schatulle dort ab. Er nahm die andere in die Hände und öffnete sie.
»Leute.«
Sein Blick hob sich wieder, wie auch seine Hand, die nun einen Revolver führte. Mit einer geschickten Bewegung schwang er die Trommel beiseite.
»Vier Patronen.«
»Sonst ist nichts darin?«, fragte Liza.
»Ein Zettel. Vielleicht ein Brief.«
Marc legte die Waffe zu Boden und räusperte sich.
»Ihr seid heute hier, um für das zu büßen, was ihr getan habt.«
Er stoppte und ließ den Blick schweifen, fuhr dann aber fort.
»Ihr seid Schuld daran, dass ein Leben vergangen ist. Nun, ein Jahr danach, vergeht auch das eure. Im Kästchen ist eine kleine Erinnerung an eure Tat, solltet ihr sie bereits vergessen oder verdrängt haben. Der Revolver hält vier Patronen. Eine für jeden von euch. Auge um Auge, Zahn um Zahn, Leben um Leben.«
Marc starrte noch einen Moment lang stumm auf das Stück Papier.
»Das ist alles?«, fragte die Sally. Die Angst in ihrer Stimme konnte aber auch sie nicht zur Gänze verbergen.
»Was machen wir jetzt?«
Liza hatte die Arme inzwischen hinter dem Rücken verschränkt, um nicht länger an ihren Nägeln zu spielen.
Marc legte die Waffe in die Box zurück, ließ sie aber offen.
»Wir gehen nach Hause.«
Er blickte zu den anderen.
»Das kann doch nur ein dummer Scherz sein. Und wehe dem, der dahinter steckt.«
Er ballte flüchtig eine Faust, wandte sich dann um und ging los. Liza blickte ihm nach.
»Was ist in deiner Box?« Sallys Stimme klang ernst, beinahe bedrohlich.
Marc blieb abrupt stehen. Er zögerte, drehte sich dann aber doch zu ihr um.
»Wie bitte?«, fragte er, als kämen Sallys Worte zuvor einer Beleidigung gleich.
Sally verschränkte die Arme vor der üppigen Brust, die nur widerwillig in ihrer Haltung zu bleiben schien.
»Du hast mich schon verstanden.«
Marcs Blick sprang von einem zum anderen. Liza hielt ihm nicht lange stand und sah beiseite.
»Bist ganz schön neugierig.«
»Und du hast es ganz schön eilig.«
Sally starrte ihm entgegen.
»Was. Ist. In. Der. Box?«
Erneut zögerte Marc, schüttelte dann aber den Kopf.
»Na schön.«
Er machte die zwei Schritte zur Eiche zurück und hob sein Kästchen auf, das geschlossen am Boden lag. Mit einer Hand öffnete er den Deckel und zog ein ausgerolltes Kondom hervor.
»Äh«, begann Sally. »Was sollen wir damit?«
Marc zuckte nur mit den Schultern.
»Jetzt du.«
Sally verzog keine Miene und löste die verschränkten Arme. Eine ihrer Hände hielt die Schatulle fest im Griff, die andere öffnete sie. Kurz darauf zeigte sie die Füllfeder umher. Die Tinte auf der vergoldeten Feder war rot.
»Keine Ahnung, was mir das sagen soll.«
Thomas spähte zu Liza, trat dann einen Schritt nach vor und zeigte seinen Inhalt. Eine blaue Rose.
»Ein Kondom, eine Füllfeder und eine blaue Rose.«
Ein Lächeln stahl sich auf Sallys Lippen.
»Klingt nach einer abgedrehten Party.«
Marc stimmte in ihr Lachen ein. Thomas und Liza blieben stumm und sahen einander an.
»Ich weiß aber, wofür die Rose steht«, begann er.
Lizas Herz raste und dutzende Bilder schossen durch ihren Kopf. Erinnerungen und Fantasien mischten sich zu unzähligen Geschichten, deren Ausgang jedes Mal variierte.
»Jetzt bin ich aber gespannt.«
Nun verschränkte auch Marc die Hände vor seiner trainierten Brust. Sein Blick spähte immer wieder zu Sally.
Thomas seufzte.
»Kirsten Badger.«
Marc legte zunächst die Stirn in Falten, dann aber weiteten sich seine Augen. Auch Sally wirkte, als ergäbe nun alles einen Sinn. Liza hingegen nutzte den Moment der Ablenkung und schob sich hinter Thomas der Eiche entgegen - und dem größeren Kästchen, das davor lag.
»Die Kleine von unserer Schule, die sich voriges Jahr selbst erhängt hat?«
Sally schnaubte abfällig.
»Vermisst die Loserin denn…«
Weiter kam sie nicht. Ein Knall brachte sie zum Schweigen. Sally stürzte nach vorne und blieb regungslos am Boden liegen. In ihrem Hinterkopf ein tiefes Loch, aus dem Blut quoll und sich über das Gras ergoss. Hinter ihr stand Liza, die Waffe in der Hand und den Pyjama mit Blut bespritzt. Selbst ihr Gesicht zierten rote Flecken, die langsam zerflossen.
»Was zum…«
Marc schreckte hoch und wich etwas zurück.
»Keine Angst, Marc.«
Liza richtete den Revolver auf ihn.
»Du bist der nächste. Du kommst mir aber nicht so leicht davon.«
Ihre Stimme war so kalt wie der Wind, der aufgekommen war und den Nebel ein wenig beiseite schob. Sie wollte so gar nicht zur zierlichen Erscheinung im rosa Pyjama passen.
»Was…ich…«
Marc stotterte und seine zuvor noch souveräne und posierende Haltung verging in einem Häufchen Elend.
Liza deutete mit der Mündung auf Sallys toten Körper, dessen Augen den Moment der Überraschung immer noch festhielten.
»Los, wirf sie in ihr Grab.«
Marc sah ihr mit großen Augen entgegen.
»Du bist wahnsinnig.«
»Nein.«
Liza schüttelte energisch den Kopf.
»Ich habe es nur satt, dass ihr ungestraft mit all dem davon kommt.«
Sie kam einen Schritt näher an ihn heran.
»Los, oder du landest vor ihr darin.«
»Schon gut.«
Marc hob die Arme und näherte sich dem Leichnam. Er packte den toten Körper an den Beinen und zog ihn über den feuchten Boden.
»Und du.«
Liza deutete auf Thomas.
»Du siehst dabei zu. Und versuche ja nicht zu fliehen.«
Thomas schüttelte nur den Kopf und folgte bis zu Sallys Grab.
Dort angelangt warf Marc ihre Leiche achtlos in das Loch. Verrenkt lag sie nun da unten und blickte aus leeren Augen zu ihnen empor.
»Sally hat sie gemobbt, sie schikaniert und Lügen über sie verbreitet. Sie hat ihre Seele zerstört, sie ermordet.«
Liza beugte sich über das Grab und spuckte hinab.
»Der Tod ist noch zu gut für sie.«
Dann wandte sie sich wieder an Marc, der den Blick ebenfalls nicht von der Toten nehmen konnte.
»Und nun zu dir.«
Erneut deutete sie ihm mit dem Revolver weiterzugehen. Diesmal in Richtung seines eigenen Grabes. Thomas trottete wie in Trance hinter ihm. Den Weg legten sie stumm zurück und auch Liza schwieg, bis sie das Loch erreicht hatten. Marc hielt an der Kante des Grabes und drehte sich um.
»Auf die Knie.«
Seine Augen weiteten sich.
»Das kann nicht dein…«
»Auf die Knie!«
Liza fuchtelte mit der Waffe umher. Marc nickte hastig und ging zu Boden.
»Was willst du von mir?«
»Ich will, dass du es sagst. Sag, was du ihr angetan hast. Wie du ihren Körper zerstört hast.«
»Aber…ich…«
»Sag es!«
Lizas Kopf glühte beinahe vor Zorn.
»Sag es, oder ich erschieße nicht nur dich, sondern alle, die dir etwas bedeuten.«
Das Gefühl von Macht prickelte in ihrem Körper und auf ihrer Haut. Der Rausch, der zuvor noch wie ein Schleier über ihr gelegen hatte, war fort. Nie zuvor hatte sie sich so stark, so unantastbar gefühlt. Es war ein Gefühl, dem sie sich ergeben wollte.
Nun brach auch die letzte Hoffnung in Marc. Er begann zu weinen, zu schluchzen und zu betteln. Sein ganzer Körper zitterte. Liza genoss es.
»Ich…Ich…«
Marc schluckte schwer.
»Es war auf einer dummen Party. Wir hatten alle schon viel getrunken.«
Er schüttelte den Kopf.
»Ich war geil, okay?«
Seine Lippen formten ein hoffnungsleeres Lachen.
»Ich ging nach oben, und dann sah ich sie. Allein. Auf dem Bett. Völlig dicht. Nur in knappem Rock und Top.«
»Und was hast du dann getan?«
Auch Lizas Augen füllten sich nun mit Tränen. Die Hand, die den Revolver führte, zitterte merklich.
»Ich habe mit ihr geschlafen.«
Marcs Stimme war nicht mehr als ein Wimmern.
»Was hast du getan?!«
Liza kam näher und drückte ihm die Waffe an die Stirn.
»Ich habe sie vergewaltigt. Ich habe sie vergewaltigt.«
Marc keuchte.
»Ist es das, was du…«
Ein weiterer Knall beendete seinen Satz und sein Leben. Durch die Wucht stürzte sein Körper rückwärts in das Grab hinab. Erneut spritzte Blut auf Lizas Pyjama und mischte sich mit Sallys. Liza schnaufte, beruhigte sich dann langsam wieder. Das Lächeln auf ihrem Gesicht wurde breiter, zufriedener. Schließlich wandte sie sich an Thomas, der blass und mit starrem Blick neben ihr stand.
»Nur noch wir beide.«
Liza führte ihn weiter, doch nicht zu seinem Grab zurück, sondern zu dem ihren. Der Nebel war stärker geworden, was wohl an dem fehlenden Wind lag. So verschwand der Grabstein im Grau und auch alles, was dahinter lag.
»Wieso ich?«, begann Thomas und hob die Handflächen schützend vor die Brust. Liza sah ihm tief in die Augen.
»Kirsten hat dich geliebt. Mehr als alles andere.«
»Ich…das wusste ich nicht.«
»Hätte es denn etwas geändert?«
Thomas’ Blick verlor sich im Grau. Dabei senkte er die Arme.
»Der eine Abend mit ihr, der Ball…es war großartig.«
Ein schwaches Lächeln stahl sich in sein Gesicht.
»Sie hat mir das Gefühl gegeben, gemocht zu werden, jemand zu sein. Deshalb habe ich ihr die blaue Rose geschenkt. Ich habe sie selbst gemacht, weil ich wusste, dass sie ihr gefällt.«
»Wieso hast du sie dann nicht mehr angerufen? Sally und Marc haben ihre Seele und ihren Körper auf dem Gewissen. Du aber…« Liza deutete mit der Waffe auf ihn. »Du, Thomas, hast ihr Herz gestohlen. Und anstatt es wie einen Schatz zu hüten, der es war, hast du es einfach zerbrochen und die Teile am Boden liegen gelassen.«
»Das war nie meine Absicht.«
Seine Stimme überschlug sich.
»Deine Absichten zählen nicht. Nur das, was du getan hast.«
Thomas schüttelte den Kopf.
»Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie mich wiedersehen wollte. Wir haben uns nur einmal getroffen. Deswegen habe ich mich nicht mehr gemeldet. Ich wollte nicht aufdringlich sein. Sie hat sich auch nicht mehr…«
»Nein«, unterbrach Liza und fuchtelte mit dem Revolver herum.
»Wage es nicht, ihr die Schuld dafür zu geben. Sie war nur schüchtern. Wärst du das nicht auch, nach all dem, was sie durchmachen musste?«
Liza hielt einen Moment lang inne.
»Sie wollte mit dir ein neues Leben beginnen. Nach eurem Date hat sie nur mehr von dir gesprochen, wie toll du nicht bist.«
Liza unterdrückte die Tränen, die bereits so lange in ihr gesteckt hatten, und sie bereits so lange Zeit unterdrückte und zurückhielt.
»Sie war glücklich.«
Ihre Stimme brach, ihr Blick schien durch Thomas hindurchzugehen. Dann aber wurde er wieder klar.
»Du aber musstet sie ja zurückweisen und sie in den Abgrund stürzen.«
Erneut stockte Liza.
»Diesmal hatte sie nicht mehr die Kraft wieder aufzusehen.«
Tränen strömten nun über ihre Wangen, als hätte der Druck alle Dämme nieder gerissen.
»Es hat wohl einfach nicht sein sollen«, sagte Thomas.
»Es war…Schicksal.«
»Schicksal?«
Liza lachte. Im nächsten Moment wich all die Trauer wieder aus ihrem Gesicht.
»Nein. Ob du lebst oder stirbst, das ist Schicksal.«
Ohne weitere Worte drückte Liza ab. Der dritte Knall an diesem Morgen erfüllte den Wald. Zunächst stand Thomas noch unberührt vor ihr. Der Schreck musste ihn gelähmt haben. Erst, als er sich an den Bauch fasste und die blutverschmierten Hände vor das Gesicht hob, zeichnete sich Erkenntnis darin ab. Langsam ging er zu Boden und ließ sich im Gras nieder.
»Wer bist du? Warum tust du das?«
Liza lachte.
»Unsere Wege hätten sich ohnehin eines Tages gekreuzt. Hättest du Kirsten gegeben, wonach sie sich so sehr gesehnt hatte, dann vermutlich als Freunde.«
Sie machte eine Pause.
»Ich bin ihre Schwester.«
»Ihre Schwester? Sie hat nie von dir gesprochen.«
»Denkst du, du hast sie gekannt? Ihr habt euch einmal getroffen. Warum sollte sie dir dabei von mir erzählen?«
»Wir waren jahrelang in der selben Klasse. Ich habe dich nie gesehen oder auch nur von dir gehört.«
»Und jahrelang war sie heimlich in dich verliebt. Dann, endlich bringt sie den Mut auf, dich zu fragen, und du weist sie zurück.«
»Wozu aber der ganze Aufwand?«
Liza senkte die Waffe, wie auch den Blick. Langsam stellte sie die Schatulle auf den Boden, die sie die ganze Zeit über in der freien Hand gehalten hatte. Nun öffnete sie das Kästchen und zog ein buntes Armband daraus hervor.
»Was ist das?«
»Ein Freundschaftsarmband. Wir haben uns gegenseitig welche gemacht, als wir noch klein waren. Dabei haben wir uns geschworen, uns immer gegenseitig zu beschützen.«
Liza schluchzte.
»Ich habe meinen Schwur gebrochen.«
Sie schüttelte energisch den Kopf.
»Ich konnte sie nicht beschützen. Ich habe alles versucht.«
»Das war nicht deine Schuld. Sie hat sich so entschieden.«
»Entschieden? Niemand entscheidet sich freiwillig dafür. Sie war meine Schwester. Ich hätte etwas tun müssen.«
Thomas’ Augen weiteten sich.
»Deshalb das Grab und die vierte Patrone. Die ist für dich, nicht wahr?«
Liza nickte.
»Ich verdiene nicht, weiter zu leben. Ich verdiene hier zu legen, mit euch.«
»Das ist doch Schwachsinn!«
Thomas stöhnte vor Schmerz und presste die Hände fester an seinen Bauch.
»Nenne es wie du willst.«
Die Tränen strömten über Lizas Gesicht, schienen gar nicht mehr zu versiegen. Sie griff in ihre Tasche und zog ein Handy hervor, das sie Thomas zu warf.
»Hier. Die Rettung soll das Handy orten. Nun liegt es an dir, ob du die Kraft hast durchzuhalten, oder vorher aufgibst. So muss sich Kirsten gefühlt haben.«
»Was ist mit dir?«
»Ich sehe meine Schwester wieder. Hoffentlich kann sie mir verzeihen.«
Liza hielt sich die Waffe an den Kopf, schloss die Augen und verzog die Lippen zu einem letzten Lächeln. Dann drückte sie ab.