Die Assimilation der Welt
Jonathan stand vor der Glasfront seiner Zelle und blickte in die dunklen Weiten des Weltalls hinaus. Unzählige Raumschiffe hatten sich dort zu einem Schwarm zusammengerottet und hüllten die einst blaue Erde in Feuer. Die Flammen spiegelten sich in Jonathans tränenerfüllten Augen.
Schließlich riss er sich vom Anblick los und kehrte in die Dunkelheit seiner eigenen Zelle zurück. Sie war schmal und die Wände aus einem Material, das er nicht zuordnen konnte. Metallisch zwar, aber dennoch weich.
Wie Jonathan auf dieses fremde Schiff gekommen war, wusste er nicht mehr. Ebenso wenig, wie viel Zeit er bereits hier verbracht hatte. Er sah wieder auf die Erde hinab. Bin ich vielleicht schon der letzte Mensch? Er verwarf den Gedanken rasch wieder, kauerte sich in eine Ecke und versank in Erinnerungen. Im Geiste ging er noch einmal die Fetzen seiner letzten Schritte auf Erden durch. Mit jedem von ihnen schlug sein Herz schneller und drang mehr Schweiß aus seinen Poren. Ihm wurde wärmer, heißer, und die stickige, leicht säuerliche Luft schnürte ihm den Atem ab. Jonathan begann zu keuchen, zu röcheln, war nicht mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen.
Er richtete sich auf, streckte sich und atmete tief und langsam. Sein Körper beruhigte sich und auch sein Geist kehrte nach London zurück. Gerade, als er wieder in seinem vergangenen Leben versank, öffnete sich die Tür zu seiner Zelle. Das Knacken des Schlosses ließ ihn hochschrecken. Instinktiv blickte Jonathan zur Seite, doch gab es hier nichts, mit dem er sich verteidigen konnte.
Die Tür öffnete sich ganz und zwei Vertreter der fremden Spezies traten ein. Die smaragdgrünen Schuppen ihrer athletischen Körper schimmerten im Licht der Sonne, die matt durch die Glasfront schien. Ihre Erscheinung glich dennoch mehr einer Echse und besaß nur noch wenig menschliche Züge. Jonathan hatte bereits einige Male einen Blick auf die Wesen werfen können. Bis jetzt hatten sie ihm aber lediglich zu Essen und Trinken gebracht. Eine Schüssel mit etwas Breiartigem, das nach vergärtem Milchreis geschmeckt hatte, und einen Krug Wasser. Diesmal aber trugen sie noch etwas anderes bei sich. Jemand anderes.
Die menschliche Frau in ihrer Mitte hing schlaff in den grünen Armen. Nur mehr wenig konnte Leben und Tod für sie noch voneinander trennen. Die Echsen lösten den Griff und die Frau stürzte. Ohne etwas zu sprechen, verließen sie die Zelle wieder. Jonathan hätte sie ohnehin nicht verstanden. Er verharrte an seiner Position. Erst als das Schloss wieder knackte, schob er sich geduckt zur Frau vor, die Tür fest im Blick.
»Alles in Ordnung?«, fragte er und schämte sich sogleich für diese dumme Frage.
Die Frau stöhnte nur. Sie musste Schmerzen haben. Jonathan sah sich um.
»Warten Sie.«
Er stand auf und ging zur gegenüberliegenden Ecke, in der er die Schüssel Wasser aufbewahrte. Es schmeckte bereits abgestanden, aber in ihrer Situation durften sie nicht wählerisch sein. Sie nippte hastig an der Schüssel und leerte beinahe den gesamten Inhalt.
»Danke« Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern.
»Kommen Sie, ich helfe Ihnen.«
Jonathan griff unter ihre Arme und zog sie hoch. Gemeinsam schleppten sie sich zur Glasfront und sanken an ihr zu Boden. Die Frau lehnte den Kopf gegen das Glas und atmete schwer. Jonathan sah wieder ins Weltall hinaus. In seiner Vorstellung dröhnte jede einzelne der Explosionen, untermalt von den Schreien der Leben, die sie auslöschten.
»Wunderschön, nicht wahr? Wäre es nicht unser aller Ende«, sagte die Frau.
»Das ist es« Er schüttelte den Kopf. »Ein Verbrechen gegen die Menschheit. Gegen jegliches Leben.«
Die Frau zog die Beine an ihre Brust, stöhnte dabei schmerzerfüllt auf. Dann lächelte sie Jonathan flüchtig zu.
»Maisie Palmer.«
»Jonathan, Jonathan Frances.«
Sie reichten einander die Hände und schenkten sich ein weiteres Lächeln. Jonathan kam es seltsam vor, sich selbst an diesem Ort, in dieser Situation, an die erzogene Etikette zu halten. Er wandte den Blick an Maisie vorbei zur Erde hinab, deren Blau immer mehr Schwärze wich. Er konnte und wollte sich nicht ausmalen, welche schrecklichen Szenen sich gerade in den Städten abspielen mussten. Welche Schicksale geschrieben und beendet wurden. Er sah zurück zu Maisie, doch sie schlief bereits. Jonathan verzog die Mundwinkel zu einem schmalen Lächeln und schloss ebenfalls die Augen.
Als er wieder aufwachte, riss es ihn förmlich aus seinem leeren Traum. Er brauchte einige Augenblicke, um sich zu orientieren, zu akzeptieren, dass all dies kein weiterer Traum war. Maisie schlief tief und fest neben ihm. Ihr schmächtiger Brustkorb hob und senkte sich rhythmisch, auch sein eigener beruhigte sich wieder. So verlor er sich in Gedanken, sinnierte über den Sinn dieser Welt und des seinen. Er kam zu keiner zufrieden stellenden Antwort. Nichts von all dem ergab Sinn. Warum bin ich hier? Warum ist sie hier? Er erinnerte sich an all die schlechten Filme, die er gesehen hatte und in denen Außerirdische Experimente an Menschen durchführten.
Die Stille, die über ihnen hing, brach jäh, als sich die Tür zur Zelle öffnete und die beiden Echsen von zuvor eintraten. Oder war es schon gestern gewesen? Auch Maisie schreckte durch den Lärm hoch und sah sich schlaftrunken um. Wortlos kamen sie näher. Sie ignorierten Jonathan und wandten sich wieder Maisie zu. Diese schlug mit Fäusten gegen die Arme der Außerirdischen, aber das konnte sie nicht davon abhalten, nach ihr zu greifen und sie ein weiteres Mal zu packen.
»Nein, helfen Sie mir.«
Vergebens streckte sie ihre Finger nach Jonathan aus, aber der reagierte zu langsam, um noch eingreifen zu können. Die beiden schleiften Maisie durch die Zelle zum Ausgang hin. Immer wieder schlug die Frau gegen die Echsen, doch mehr als ein dumpfes Geräusch auf den harten Schuppen vermochte sie nicht zu erzeugen. Jonathan wohnte all dem stumm bei. Sein Körper war gelähmt und auch seine Stimme gehorchte ihm nicht mehr. Noch nie zuvor hatte er sich so hilflos gefühlt, so unfähig etwas zu tun. Die zurück gekehrte Stille verstärkte das Gefühl noch. Sie hielt nicht lange an. Bald schon hallten Schreie durch das Schiff. Maisies Schreie. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass solch eine kraftvolle Stimme in ihrem zierlichen Körper wohnte. In ihr lag nichts als unbändiger Schmerz.
Jonathan presste die Hände gegen die Ohren, doch selbst das ließ die Schreie nicht verstummen. Sein Kopf dröhnte unter der Stimme, seine Augen füllten sich mit Tränen. Nicht auszumalen, welchen Qualen Maisie ausgesetzt sein musste, um solche Laute von sich zu geben. Bitte, lass mich nicht dasselbe erleben.
Die Zeit, in der die Schreie anhielten, kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Als sie plötzlich verstummten, wirkte die Stille noch lauter, noch bedrohlicher als es Maisies Stimme je gekonnt hätte. Jonathan stand auf. Unruhig wippte er von einem Bein auf das andere, kaute an seinen Nägeln und spielte nervös mit dem goldenen Ring an seinem Finger. Kommt schon, bringt sie wieder her. Sein Verstand malte sich bereits aus, wie Maisie zugerichtet sein würde. Oder ist sie schon tot?
Dann ertönte das erlösende Klacken des Schlosses und erneut schleiften die beiden Echsen Maisies leblos wirkenden Körper in die Zell, wo sie ihn sie zu Boden fallen ließen. Er machte einen überraschend unversehrten Eindruck. Nur ihr linker Arm hatte sich verändert. Die Haut war vom Handgelenk bis zum Ellenbogen smaragdgrünen Schuppen gewichen. Und überall war Blut.
»Was haben sie mit dir gemacht?«, flüsterte Jonathan. Er strich Maisie durch das verklebte Haar, kauerte sich zu ihr. Einen Moment zögerte er, dann schloss er seine Arme um ihren Körper und schmiegte sich an sie. Ihre Wärme erfüllte ihn mit Ruhe. Es war lange her, als er zum letzten Mal körperliche Nähe erfahren hatte. Als wäre es in einem anderen, längst vergangenen Leben gewesen.
Maisie erwachte nur langsam wieder. Zunächst bewegte sie sich unruhig in Jonathans Umarmung, dann öffnete sie die Augen. Ihr Blick irrte umher, sie schien sich zu orientieren. War ihr Jonathans Umarmung unangenehm, so ließ sie es sich zumindest nicht anmerken.
»Was ist das?«
Ihre Stimme offenbarte blankes Entsetzen. Sie sah an sich herab, drehte ihren Arm, um ihn näher zu betrachten. Dann fuhr und rieb sie mit den Fingern der anderen Hand darüber, als wären die Schuppen nichts weiter als Schmutz, den sie nun zu entfernen versuchte.
»Was ist das?« Sie rieb fester und schneller.
»Machen Sie, dass das weggeht.«
Ihr Blick hob sich und traf Jonathans, der diesem nicht lange standhalten konnte.
»Ich…ich weiß es nicht. Vielleicht führen sie Experimente durch.«
»Aber…warum mit mir? Warum nicht mit Ihnen?«
Jonathan sah sie ungläubig an.
»Tut mir leid.«
Maisie seufzte.
»Ich…«
Sie schüttelte den Kopf.
»Wieso muss das alles mir passieren? Das muss doch ein Traum sein.«
Ihre Finger hoben sich erneut, spielten diesmal aber mit den Perlen, die in einer Kette um ihren Hals hingen und Jonathan erst jetzt auffielen.
»Eine hübsche Kette haben Sie da.«
»Sie gehörte meiner Mutter und wird seit Generationen von Mutter zu Tochter weitergegeben.« Maisies Blick senkte sich.
»Sieht so aus, als endet diese Tradition mit mir.«
»Haben Sie denn Kinder?«
Maisies Blick verlor sich weiter im Boden, während ihre Finger über die Perlen strichen.
»Wie sind Sie hier gelandet? Was haben Sie davor gemacht?«, fragte sie mit leiser Stimme.
Jonathan hielt einen Moment lang inne.
»Ich bin Wissenschaftler. War Wissenschaftler.«
Maisie sah hoch.
»Ich arbeite in der IT.«
Ihr Kopf senkte sich wieder.
»Vielleicht haben sie uns deshalb ausgewählt. Vielleicht wollen sie etwas von uns lernen.«
Jonathan blickte aus dem Fenster auf die brennende Welt hinab.
»Nein. Sie wollen uns nur vernichten«
»Aber warum sind wir dann noch am Leben?«
Jonathan seufzte.
»Ich weiß es nicht. Glauben Sie, das habe ich mich nicht schon selbst gefragt?«
»Dann lassen Sie uns darüber nachdenken.«
Maisies Entschlossenheit überraschte ihn. Vielleicht war es der Schock, vielleicht das letzte Aufbäumen der Hoffnung. An einem Ort wie diesen fand sie sonst keine Nahrung.
»Ich weiß noch, dass ich spät von der Arbeit nach Hause wollte. Ich habe mein Büro abgesperrt, bin zum Auto und dann…«
Ihr Blick irrte nachdenklich in der Zelle umher.
»Dann weiß ich nichts mehr. Dann bin ich hier aufgewacht. In einem Raum ähnlich wie diesem hier, nur ohne der Glasfront. Irgendwann haben mich die beiden abgeholt und zu Ihnen gebracht.«
»Bei mir war es ähnlich. Ich war schon im Auto, auf dem Highway«, Jonathan machte eine kurze Pause, »Zuhause bin ich aber nie angekommen.«
»Gut, sie haben uns also entführt, aber warum?«
Maisie blickte erneut an sich hinab, vermied aber über die Schuppen zu streichen.
»Was haben sie vor?«
Ihre Stimme brach, wie auch die Hoffnung in ihrem Gesicht langsam zu bröckeln begann.
Jonathan setzte zu einer ermutigenden Bemerkung an, als die Zellentür geöffnet wurde. Die beiden Wesen traten ein und nahmen Maisie wieder mit sich. Sie warf sich mit aller Kraft gegen den Griff und grub die Fingernägel in den Boden, bis einer nach dem anderen abbrach und sich eine blutende Spur zur Tür zog. Ihr Schluchzen und Weinen hallte noch selbst von den Gängen des Schiffes zu ihm. Dann folgten die Schreie.
Diesmal, noch lauter, noch intensiver, noch gequälter erfüllten sie seinen Kopf und brachten Jonathan beinahe um den Verstand. Es war ihm unvorstellbar, wie jemand solche Schmerzen überhaupt ertragen konnte. Als die Schreie verstummten und Maisie wieder in die Zelle gebracht wurde, war sie nicht mehr als ein Häufchen Elend. Auch ihr zweiter Arm war nun von Schuppen überzogen und voller Blut.
Jonathan kniete sich zu ihr. Maisies Lippen waren aufgesprungen und verklebt, sie selbst schwach und dehydratisiert.
»Wasser.«
Er wandte sich an die beiden Echsen. Sie sahen ihn nur stumm an. Jonathan zeigte auf die leere Schüssel und dann auf seinen Mund.
»Wasser. Sie braucht Wasser«
Die Außerirdischen gingen auf seine Forderung nicht weiter ein und verließen die Zelle so stumm, wie sie diese betreten hatten. Jonathan wandte sich wieder Maisie zu, strich ihr erneut durch das Haar und drückte sie an sich.
»Was haben sie nur vor mit dir?«, flüsterte er.
Noch drei weitere Male wurde sie in den nächsten Stunden geholt und wieder zurückgebracht. Mit jedem Mal wuchsen die Schuppen und schwand die Hoffnung. Maisie wurde stumm und katatonisch. Bis auf Hals und Kopf war bereits ihr ganzer Körper smaragdgrün überzogen. Kleidung trug sie keine mehr.
»Ich habe so etwas schon einmal gesehen.«
Maisie saß schlaff an die Wand gelehnt. Ihr Blick verlor sich im Nirgendwo.
»Was meinen Sie?«
»Es gibt Bakterien, die sich nicht fortpflanzen, sondern andere assimilieren.«
Sie stockte, fuhr dann aber fort.
»Ich glaube, bei ihnen ist das auch so. Sie wollen uns nicht töten, sie wollen uns zu ihresgleichen machen.«
Wieder Stille.
»Aber warum fangen sie mit mir an? «
»Frauen haben eine besondere Anziehung auf sie.«
»Woher wissen Sie das? «
Jonathan seufzte.
»Wir haben einen von ihnen gefunden. Er ist mit einem der kleinen Raumschiffe abgestürzt«
Maisies Augen weiteten sich.
»Haben Sie einen Weg gefunden, sie zu töten? «
Jonathan schüttelte den Kopf.
»Nicht militärisch. Ihre Schuppen sind härter als alle uns bekannten Materialien.«
Maisie atmete tief aus. Mit der Luft schwand auch der letzte Funken Hoffnung aus ihrem Körper.
»Versprechen Sie mir nur, dass Sie einen Weg finden werden, mich von all dem zu erlösen, wenn ich…«
Sie brach ab.
»Ich will keine von ihnen werden und alles verlieren, was ich noch bin. Vielleicht endet die Assimilierung nicht bei meinem Körper.«
»Irgendwie kommen wir von hier weg.«
Maisie lachte kurz auf.
»Selbst wenn. Sehen Sie mich an.«
Sie hob die schuppigen Hände und Finger.
»Ich bin ein Monster. Wie soll ich jemals wieder meiner Tochter gegenübertreten?«
Sie überlegte kurz.
»Vielleicht ist es das, was sie wollen. Uns alle in Monster verwandeln, bis nicht nur unsere Existenz, sondern auch unsere Geschichte ausgelöscht ist.«
Jonathan lächelte.
»Keine Sorge, wir sind noch nicht am Ende.«
»Was macht Sie da so sicher?«
Jonathan stand auf und stellte sich wieder vor die Glasfront.
»Ist Ihnen aufgefallen, dass nur die Außerirdischen feuern und das Feuer nicht erwidert wird? Nicht mehr.«
»Ja, aber Sie sagten doch, dass wir Ihnen nichts entgegenzusetzen haben.«
»Militärisch stimmt das auch, aber ich bin Wissenschaftler.«
»Gibt es doch einen Weg sie zu töten?«
Jonathan sah sich verstohlen um, nickte dann knapp.
»Der, den wir gefunden haben hat noch gelebt. Wir führten Versuche mit ihm durch, um eine Schwachstelle zu finden, aber sie alle schlugen fehl.«
Er schüttelte den Kopf.
»Ich habe so etwas noch nie zuvor gesehen.«
Jonathan hielt einige Moment lang inne.
»Nachdem all unsere Waffen keine Wirkung gezeigt hatten, konzentrierten wir uns auf ihre Biologie, erforschten sie. Dabei ist uns ein Durchbruch gelungen. Wir fanden heraus, dass sie alle miteinander verbunden waren. Wie eine große Lebensform, die sich lediglich zerteilen kann. Ein gewaltiges Kollektiv, mit einem kollektiven Gedächtnis. Ihre Schiffe dienen zur Kommunikation. Damit verbinden sie sich mit dem Kollektiv. Es versorgt sie nicht nur mit Informationen, sondern auch mit Leben.«
Maisie warf ihm einen fragenden Blick zu.
»Ich versuche es in Ihrer Sprache. Stellen Sie sich dieses Kollektiv als Server vor. Jede einzelne dieser…Echsen ist ein Handy, ein Computer oder was auch immer. Sie alle beziehen Informationen vom Server, auch Nahrung und anderes. Sie liefern aber auch Informationen und Nahrung zum Server, die dann wieder an alle verteilt werden. Wie das genau funktioniert, wissen wir nicht, aber das spielt auch keine Rolle.«
»Wir brauchen also ein Virus, das sich auf alle verteilt und sie ausschaltet.«
Jonathan nickte.
»Genau. Infizieren wir einen von ihnen damit, verbreitete es sich, sobald es im Kollektiv ist. Wir müssten dann nur noch abwarten.«
»Haben wir denn überhaupt noch so viel Zeit und so ein Virus?«
»Etwas in der Art. Ich bin Virologe und habe daran mitgearbeitet. Die Herausforderung ist, einen von ihnen zu infizieren, ohne dass er es bemerkt. Durch das Kollektiv sind sie äußerst intelligent und lernen schnell.«
»Die Regierung hat doch bestimmt einen Plan.«
Jonathan schnaubte.
»Die Regierung hatte noch nie einen Plan. Es sind Wissenschaftler wie wir, die dafür sorgen, dass nicht alles zugrunde geht. Das Problem an der Sache ist, dass das Virus sehr schwer herzustellen ist.«
Er sah ihr tief in die Augen.
»Wir haben nur eine einzige Probe. Für viel mehr reichte die Zeit einfach nicht mehr.«
»Wie wollten Sie einen von ihnen infizieren?«
Jonathan seufzte.
»Wie ich schon sagte, haben Frauen eine ganz besondere Anziehung auf sie. Das Verhältnis zu entführten Männer beträgt neun zu eins. Deshalb sollten sie meine Kollegin entführen und sie wiederum einen von ihnen damit infizieren. Leider haben sie mich an ihrer Stelle genommen. Vielleicht haben sie es aber auch irgendwie gewusst.«
»Das heißt, das Virus ist noch auf der Erde?«
Er nickte.
»Ja, in der Militärbasis, etwas außerhalb von London, in der ich gearbeitet habe. Es sei denn, sie haben meine Kollegin bereits entführt.«
Er schüttelte den Kopf.
»Aber dann wäre all das schon zu Ende.«
Jonathan seufzte.
»Es ist unsere einzige Chance. Dieser kleine Bastard tötet sie alle mit einem Schlag.«
Er wandte sich an Maisie.
»Für uns ändert das leider trotzdem nichts. Wir werden hier sterben.«
Das Klacken des Schlosses kündigte den nächsten, vielleicht auch letzten Besuch an. Diesmal wehrte sich Maisie nicht mehr. Sie ließ mit sich geschehen, folgte ihnen beinahe freiwillig, wie in einer Routine gefangen. Ihr Körper war nur mehr eine Hülle für eine Seele und einen Geist, die bereits das Leben eingestellt hatten. Nur die Schreie zeugten davon, dass es der Tod noch nicht bis in die Weiten des Alls geschafft hatte.
Als Maisie zurückkehrte, war Maisie nicht mehr. Ihre Gestalt hatte nichts Menschliches mehr. Keine Haut, keine Haare. Schwach hielt sie sich auf eigenen Beinen, knickte dann vor Jonathan ein und fiel auf die Knie. Ihr Blick hob sich und fand den seinen.
»Ich danke Ihnen. Für alles«
»Trotzdem habe ich nicht verhindern können, was sie Ihnen angetan haben.«
»Mir angetan?« Maisies Kopf hob sich, in ihre Augen stahl sich ein fremder Glanz. Sie lachte und drückte Jonathan einen Kuss auf die Stirn.
»Sie haben mir nichts angetan. Sie haben mich zurückverwandelt.«