Die Mall

David schlug die Augen auf, blinzelte. Eine vertraute Umgebung, und doch so fremd, stahl sich in seinen verschwommenen Blick. Ächzend schob er sich die Wand hoch, presste die Zähne vor Schmerzen aufeinander. Seine Hand fuhr unter das verschwitzte T-Shirt, strich über die feuchte aber ansonsten unversehrte Haut. David seufzte erleichtert. Keine Wunden

Sein Herz raste und übertönte die Stille, die ihn und das Einkaufszentrum umgab. David sah sich um. Vor ihm lag ein mit Pflanzen dekorierter Platz. Der Olive Plaza, wie er dem metallenen Schild entnahm, das unter dem Licht der grellen Neonröhren schimmerte. Der fruchtlose Baum in der Mitte des Platzes hob sich umringt von Bänken zur Decke empor. 

David war allein. Er warf einen Blick auf die digitale Anzeige, die an einer Säule prangte und das aktuelle Datum auswies. Montag, 12. Juli, 16:30 Uhr. David legte die Stirn in Falten. Ein Wochentag und dazu noch Ferien? Die Mall müsste überfüllt sein. 

In seine Gedanken mischte sich das knackende Rauschen der Lautsprecher. Für einen Moment dröhnte es statisch in die weiten Gänge und Plätze. Dann erhob sich eine Frauenstimme. 

»Willkommen in der Grand City Hall. Ich hoffe, Sie haben einen schönen Aufenthalt.« 

Die Stimme hielt kurz inne. Nur das Rauschen verriet, dass die Ansage noch nicht zu Ende war. Tiefer und bedrohlicher fuhr sie dann fort. 

»Denn Sie werden diese Hallen nicht mehr lebend verlassen.« 

Ein diabolisches Lachen folgte und beendete sogleich die Durchsage. Die Worte trieben einen kalten Schauer über Davids Rücken. Er fröstelte. Instinktiv rieb er die Hände aneinander und blies in diese. Sein Atem zeichnete sich in der klimatisierten Luft ab und verschwand zwischen den Fingern. Es ist tatsächlich kühl hier. 

Ein letztes Mal warf er einen Blick über die offenen Läden und Geschäfte, die jeglichen Lebens beraubt waren. Dann wandte sich David der breiten Glaswand zu, die den Eingang in die Mall markierte. Seine Schritte hallten auf den kahlen Fliesen wider. Einige davon waren aufgebrochen oder von Flecken übersät. Vor der durchsichtigen Mauer blieb er stehen und legte die Hand auf das verschmutzte Glas. Davids Blick schweifte nach draußen, über den vollen Parkplatz. Wo sind alle hin? Die Anzeigen leuchteten rot und signalisierten, dass alle Stellplätze belegt waren. 

Davids Herz schlug schneller. Schweiß überzog seine Finger und verklebte das Glas. Er schloss die Augen, konzentrierte sich auf seinen Atem. Ruhig und rhythmisch hoben und senkten sich seine Schultern wieder. Die Platzangst schwand, vertrieben durch Entspannung, die seinen Körper erfüllte. David atmete weiter, wartete, bis sein Herz nur noch langsam und tief pochte, und blickte in ein Paar strahlend blauer Augen, die zu ihm hochsahen. 

David schreckte zurück. Für einen Moment vergaß er seine Atmung und die Angst, die in ihm wohnte. Erst das erneut rasende Herz holte beide zurück. Sein Blick hing an dem Mädchen, das auf der anderen Seite stand. Seine schmale Statur, in ein rotes Kleid gehüllt, lächelte ihm zu. Die Augen des Mädchens glänzten, ehe es die Stimme zu einem kindlichen Lachen hob und davonlief. 

»Hey, warte!« 

David hämmerte mit den Fäusten gegen das Glas, das unter der Wucht wackelte. Auch seine Knochen vibrierten unter den Schlägen, schmerzten. Die Tür aber gab nicht nach. David nahm die Füße zur Hilfe. Immer wieder trat er gegen die gläserne Wand und warf sich schließlich selbst dagegen. Das Glas hielt. Erschöpft und von einem Hauch an Zweifel geplagt ließ er wieder davon ab. Ich muss einen anderen Weg suchen. 

Er schritt zurück zum Olive Plaza, von dem sich zwei Wege verzweigten. Einer führte zum anderen Ende dieses Traktes, der andere über eine Treppe hinauf zum nächsten. David beschloss, sein Glück dort zu versuchen. Neben der Rolltreppe gluckste ein prall gefüllter Getränkeautomat. Die Rolltreppe selbst lief langsam an, als sich David ihr näherte und die Finger um den Handlauf legte. 

Vorbei an einem Reisebüro, das für exotische Orte und günstige Preise warb, fuhr er hoch und gelangte zu einem weiteren Platz, Flower Garden. Dutzende bunte Blumen reckten sich den Neonröhren entgegen, die leise flackerten. Auch hier schlang sich eine hölzerne Sitzreihe um das Beet. David hielt inne. Was ist das? Er lauschte dem mechanischen Geräusch, das nicht von der Rolltreppe kam. Ein monotones, wiederkehrendes Geräusch. 

David sah sich um. Gegenüber der Blumen lag ein Fitnesscenter, dessen Eingang ein lebensgroßes Plakat mit durchtrainierten und knapp bekleideten Körpern zierte. Ihr strahlend weißes Lächeln wirkte so unecht wie die Perlen auf ihrer makellosen Haut. David rang sich zu einem Schmunzeln durch und blickte zu seinem in unzähligen Saufgelage erarbeiteten Bauch hinab. Er kam näher. Mit jedem Schritt wuchsen die Stimmen des Geräusches und wurden lauter. David hielt am Drehkreuz, das sich gegen den Besucher sperrte. Er warf einen verstohlenen Blick zurück, sprang über die Schranke und trat ein. 

Hinter einer Ecke lag der verlassene Empfang. Der Kühlschrank am Tresen surrte zufrieden und hielt die proteinhaltigen Getränke und Riegel kühl. David ignorierte sie. Auch auf der großen Videowand daneben tat sich nichts. Nichts als Rauschen flimmerte über den Bildschirm. David schüttelte den Kopf, folgte dann dem Geräusch in den Cardio-Bereich. Dort hielt er inne. Alle Geräte bewegten sich, als trainierten Geister darauf. Laufbänder, Ergometer, Stepper, sie alle surrten, pfiffen und knarrten. David aber war allein. 

»Was zum…?« 

Erneut lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Die Gänsehaut zog sich nun über seinen ganzen Körper. David zögerte, lief dann von Panik erfüllt zum Eingang zurück. Kaum war er wieder auf Höhe der Videowand, verstummte das Rauschen. David hielt an. Der Kopf einer Schildkröte erschien, hinterlegt mit bunten Farben und einem Kinderchor. Das Tier tanzte, einen Holzstock in der einen Hand, ein kühles Getränk in der anderen. Dann zoomte das Bild wieder auf das Gesicht der Schildkröte und ihre Lippen bewegten sich. 

»Folge den Sternen. Folge den Sternen.« 

Das Rauschen kehrte zurück. David wartete nicht länger und lief. Er sprang über das Drehkreuz, stürmte an den Blumen vorbei und tiefer ins Innere der Mall. Immer wieder warf er einen Blick zurück. Immer wieder musste er sich für einen Weg entscheiden. David lief die obere Etage entlang, vorbei an Geschäften, die verschiedenste Waren anboten. Sie alle hatten geöffnet. Sie alle waren ausgestorben. 

Davids Schritte hallten durch das Einkaufszentrum, wurden langsamer. Seine Oberschenkel brannten wie auch seine Lunge, die Mühe hatte, sich mit Luft zu füllen. Erschöpft blieb er stehen und lehnte sich an das Geländer. Sein Blick fiel in die Tiefe, auf die untere Etage. Auch hier reihte sich ein Geschäft an das andere. Ein Restaurant hatte gar ein Buffet aufgebaut, selbst von hier roch David das verdorbene Essen. Etwas darin bewegte sich. Etwas anderes als die Fliegen, die um die Speisen kreisten, oder um das darin. 

Ein Lachen lenkte Davids Aufmerksamkeit von dem Restaurant ab. Sein Blick irrte umher, fand schließlich das Mädchen vor einem Geschäft für Umstandsmode. Es kaute an den Fingernägeln, wippte unruhig von einem Bein auf das andere und erwiderte spielerisch seinen Blick. 

»Warte, ich komme zu dir.« 

David stieß sich vom Geländer ab und lief auf die nächste Treppe zu. Er stürmte hinunter, strauchelte beinahe und fing sich nur mit Mühe am Handlauf ab. Unten angekommen fuhr er herum und wandte sich dem Mädchen zu. Ihr kindliches Lachen erfüllte ein weiteres Mal die Mall, verschwand dann aber in einem der Gänge. David blieb stehen und seufzte. Was ist hier los? Wo sind alle? Dann aber weiteten sich seine Augen unter der Erkenntnis. Das Mädchen. Es war draußen und ist nun drinnen. Es gibt also einen Weg hinaus. 

Sein Blick wanderte über die offenen und beleuchteten Geschäfte, die zu beiden Seiten aneinander gereiht lagen. Kleidung, Elektronik und Schreibwaren warteten darin, fein säuberlich aufgebahrt, um von jemandem mitgenommen zu werden und ein neues Zuhause zu finden. Über dem kleinen Elektronikhändler hing ein Monitor, über den abwechselnd verschiedenste Angebote flimmerten. David richtete seine Augen darauf, hoffte. Worauf genau, vermochte er nicht zu sagen. 

Die Produkte wiederholten sich, immer und immer wieder, bis das gestochen scharfe Bilder einem Rauschen wich. Nur kurz darauf dröhnte psychedelische Musik aus den Lautsprechern daneben und die Schildkröte kehrte zurück. Wie bereits zuvor war sie guter Laune und tanzte. Auch hier zoomte das Bild schließlich auf ihr freundliches Gesicht und das Tier erhob erneut die Stimme. 

»Folge den Sternen, sie führen von diesem Ort.« 

»Welche Sterne?« David gestikulierte mit den Armen, machte eine ratlose Geste. 

»Die Sterne, die dir zu Füßen liegen.« 

Die Schildkröte lachte, ehe sie wieder den durchlaufenden Angeboten wich. 

David seufzte. Sterne, die mir zu Füßen liegen. Er schüttelte den Kopf und folgte dem Gang. Ich muss das Mädchen finden. Seine Schritte hallten durch den Flur. David hatte das Gefühl, sein Herzschlag und sein Atem folgten ihnen. 

Vorbei an Drogeriemärkten und Schuhgeschäften ging er weiter, passierte neue Plätze mit klangvollen Namen und kam in einen älter wirkenden Teil des Einkaufszentrums. Der Bereich, der beide miteinander verband, wirkte wie eine Naht, die zwei zusammen geschweißte Teile zu einem Ganzen fügte. Die Linie war tatsächlich eine Linie und zog sich als blauer Streifen quer über den Weg. Die Spitzen seiner Schuhe berührten die Linie beinahe. Sein Blick wanderte von links nach rechts. Nichts schien eine Erklärung zu bieten, weshalb die Linie hier gezeichnet worden war. Was ist das? 

Behutsam wischte er mit den Fingern über die Linie, als durchschneide er eine unsichtbare Barriere. Vielleicht löste diese sogar eine Falle aus. Eine, in die ihn das Mädchen zu lockten versuchte. Aber nichts geschah. Seine Hand bewegte sich über dem Blau, das sich davon unbeeindruckt zeigte. Dennoch lag etwas anderes hinter der Linie. 

Die modernen Fliesen und helle Beleuchtung endeten und wichen schäbigen, bemalten Wänden und einem braunen Linoleumboden. Die Neonröhren an den Decken vermochten nicht die Dunkelheit zu erhellen. Viele der Lampen flackerten oder waren bereits ausgefallen. David warf einen skeptischen Blick über die eigene Schulter zurück. Dann überschritt er die blaue Linie und trat in den alten Teil des Einkaufszentrums. 

Auch hier herrschte nicht mehr Leben als im Bereich zuvor. Die Geschäfte waren ebenso geöffnet, aber dreckiger und herunter gekommener. Kleider in den Auslagen wiesen Flecken auf und etwas Schwarzes überzog die Wände zu beiden Seiten. David trat näher heran, spürte bereits die Wärme, die von der Schwärze ausging. Er hielt den Blick darauf. Das pilzähnliche Gebilde hob und senkte sich, pulsierte. David wich zurück. Es ist lebendig

Er fühlte sich in all die Horrorfilme zurückversetzt, die er als Kind heimlich gesehen hatte und die ihm auch jetzt noch, Jahrzehnte später, ab und an Albträume bescherten. Nun aber war er selbst Teil von einem. 

Schweiß überzog Davids Hände. Er trocknete sie an seinem T-Shirt, das Flecken bekam. Mit jedem Schritt, den er auf dem schmutzigen Boden setzte, stieg das Unwohlsein, die Anspannung und die Angst. Immer öfter warf er einen Blick zurück zum modernen Bereich, der scheinbar unberührt und völlig steril weit zurücklag. Ein rettendes Ufer im Ozean des Schreckens, in dem er gefangen war. 

David wurde langsamer, setzte die Schritte mit Bedacht. Das schwarze Etwas erhob Besitz auf diesen Trakt, breitete sich aus und pulsierte von beiden Wänden, der Decke und auch auf Teilen des Bodens. Was ist das? David kam zu dem Entschluss, es nicht wissen zu wollen. Unter der Schwärze erkannte er etwas, etwas Vertrautes. Die Sterne zu meinen Füßen. Im Linoleum waren Sterne eingelassen, wie er sie bereits aus anderen Einkaufszentren kannte. Diese hier enthielten jedoch keine Fingerabdrücke von Berühmtheiten. Lediglich seltsame Spitznamen waren eingraviert, darunter Zeitangaben. 

David schwitzte nun noch mehr. Es war tatsächlich unerträglich heiß hier. Seine Kehle begann auszutrocknen und einem Hustenanfall folgte der nächste. Seine Sicht flimmerte. Ein Gefühl, das er nur von Urlauben in Wüsten kannte. Gewiss nicht aus einem Einkaufszentrum. 

Er versuchte, etwas in der Ferne zu erkennen. Da war etwas. Ein Buchstabe, ein gelber Letter, mit dem er etwas verband. Wasser. David wurde schneller, schleppte sich förmlich zum Schnellimbiss und trat ein. Im Vergleich zu den anderen Geschäften wirkte die Filiale sauber. Kein Dreck am Boden, kein Schmutz an den Wänden, kein schwarzes Etwas. David sah sich suchend um, reckte den Kopf hoch und stellte sich auf die Zehenspitzen. Der Anblick der Trinkbar ließ ihn lächeln. 

In nur drei Schritten war er beim Tresen, griff mit zittrigen Fingern nach einem der Pappbecher und schob ihn unter den Hahn. Mit der anderen Hand betätige er den Schalter. Nach einem Klicken ergoss sich die klare Flüssigkeit in den Behälter. David leerte ihn mit einem Zug und füllte nach. Er trank, bis ihm übel wurde und das Wasser in seinem Magen umher schwappte. Erschöpft ließ er sich danach an einem der Tische nieder und lehnte sich zurück. 

Seine Füße schmerzten, als hätte er einen Tagesmarsch hinter sich. Seine linke Ferse fühlte sich feucht an. Ein Blick an seinem Bein hinab zeigte ihm die geplatzte Blase. Blut und Eiter zogen auch die Sportschuhe in Mitleidenschaft. David verzog die Miene. Was ist das hier nur? Warum muss mir so etwas passieren? Er streckte die Füße aus, gönnte sich einen Moment der Ruhe. Erneut ließ er seinen Blick schweifen. Im Gegensatz zum Buffet, das er zuvor gesehen hatte, lag kein Essen herum und verdarb. Die Tabletts stapelten sich an dem dafür vorgesehenen Platz und auch sonst machte das Restaurant den Eindruck, erst gar nicht geöffnet zu haben. So wie eigentlich alle Geschäfte hier. Nichts deutete darauf hin, dass die Menschen das Einkaufszentrum in Eile verlassen hatten. Aber warum? Was ist hier los? 

David klopfte mit den Handflächen auf die Tischplatte. Das Geräusch war ungewohnt laut in der herrschenden Stille und dröhnte in seinem Ohr. Er zog die Beine wieder an und sprang förmlich auf. Den Becher füllte er noch einmal und nahm ihn mit sich. In der Hitze würde er ihm gute Dienste leisten. 

Wieder auf dem Flur ging er weiter. Seine Hoffnung auf einen Plan des Einkaufszentrums oder eine genaue Positionsbeschreibung blieb unerfüllt. David kannte die Geschäfte, aber die Anordnung war ihm fremd. Es konnte kein Einkaufszentrum sein, in dem er für gewöhnlich verkehrte. 

Die Schwärze nahm wieder zu, breitete sich noch mehr aus und ließ ihm nicht viel Platz, um weitere Schritte zu setzen. Nur schmal schimmerte das braune Linoleum hindurch. Dann ein Knall. David fuhr erschrocken zusammen, verlor beinahe das Gleichgewicht und trat in das schwarze Etwas. Gerade noch blieb er auf den Beinen und fing sich wieder. Sein Herz hingegen raste weiterhin, hämmerte gegen seinen Brustkorb, als versuchte es zu fliehen. David sah sich um, aber er war in Dunkelheit gehüllt. Nicht einmal seinen Schatten vermochte das Licht noch an die Wand zu werfen. Die Lampe. Er seufzte erleichtert. Es ist nur die Lampe kaputt. 

Er setzte seinen Weg fort, passierte die nächste Neonröhre, als auch diese mit einem Knall zersprang. Das kann kein Zufall mehr sein. Davids Schritte wurden schneller, doch das änderte nichts daran, dass jede Lichtquelle, die er passierte, kurz darauf in Dunkelheit versank. 

Nun lief David. Er warf den Becher beiseite, der ihn nur dabei behinderte. Das Wasser ergoss sich über die Schwärze und nahm dieselbe Farbe an. Wie schmale Fäden zog es sich über den Boden und begrub ein weiteres Stück des Linoleums unter sich. David achtete nicht darauf. Den nächsten Plaza fest im Blick, eilte er darauf zu und dem Licht entgegen. Hinter ihm explodierten die Neonröhren und stoben Funken. Die Dunkelheit kam näher, hielt mit ihm Schritt und holte gar auf. 

David blickte noch einmal zurück und warf sich dann in den Plaza hinein. Er rutschte über den schmutzigen Boden. Es war hell. Es blieb hell. Die Dunkelheit hatte den Flur vollkommen erfüllt, vermochte oder wagte es aber nicht, auch den Plaza zu unterwerfen. David schnaufte und kam hoch. Er klopfte den Schmutz von seiner Hose und die Hände an den Hüften ab. 

»Das wurde auch Zeit« 

David fuhr herum. Das Mädchen stand im Zentrum des Plaza. Anstelle eines Baumes oder bunter Blumen thronte dort ein schwarzer Kokon, der von der Decke hing. Das Mädchen lachte, streckte dann die Finger zur Seite aus und berührte das pulsierenden Schwarz. 

»Was ist das hier? Wo bin ich?« 

»Das sind viele Fragen. Sie alle haben keine Bedeutung mehr.« 

»Und was ist das?« David deutete auf den Kokon. 

»Das ist mein Meister.« Das Mädchen lächelte. »Und er hat Hunger.« 

David wich zurück. Mit einem Schlag kam ihm die Dunkelheit des Flurs verlockend vor. 

»Es ist zu spät für dich.« 

Das schwarze Etwas darin erhob sich zu einer Mauer und versperrte den Rückweg wie Ranken eines grimmschen Märchens. Das Mädchen streckte den Arm weiter in den Kokon, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Schwarze Fäden überzogen ihre Haut, bewegten sich wie Schlangen über ihren blassen Teint. Dann riss sie den Arm wieder heraus, sah zu, wie Blut daran hinab lief und zu Boden tropfte. Nun begann auch der Kokon zu pulsieren. Ein roter, glühender Riss zog sich durch das Gebilde, von oben hinunter, wie ein Reißverschluss, der öffnete, was in langem Schlaf versunken gewesen war. 

David verfiel in Starre. Seine Augen hafteten auf dem Schauspiel, sein Verstand war leer. Kein Gedanke an Flucht, keine Erinnerungen an sein Leben. Nichts. Der Kokon riss auf und eine Gestalt rutschte aus ihm hinaus. Wurde geboren. Die pechschwarze Haut verschlang alles Licht der Neonröhren. Die Gestalt richtete sich auf, überragte David bei weitem. Stechend rote Augen erwiderten seinen Blick. Dann aber fletschte das Ding seine Zähne. Zwei davon so spitz wie Messer. Ein Vampir. Die Bilder an vergangene Filme und Bücher rissen David aus seiner Starre. Mut und Adrenalin kehrten in seinen Körper zurück. Nur die Hoffnung blieb vergangen. 

Das Mädchen kicherte. Auch sie zeigte die beiden Fangzähne, fauchte kurz. Sie und das Ding kamen auf ihn zu. Gemächlich, als wären sie sich des Sieges gewiss. Auch David sah kein Szenario, in dem er mit dem Leben davonkam. Seine einzige Möglichkeit war an beiden vorbei zu gelangen und noch tiefer in den alten Teil des Einkaufszentrums zu fliehen. Dass er dies lange durchhielt, bezweifelt er aber. 

David ging in die Knie, wippte von einem Bein auf das andere und hielt den Atem ein. Jeweils ein Auge folgte einem der Vampire, ihren Bewegungen und ihrem Fauchen. Sie kamen von den Seiten, in der Mitte des Platzes lag nur der offene Kokon. 

Jetzt oder nie. David sprintete los, die Augen fest auf die Treppe hinter dem schwarzen Ding gerichtet. Gebückt und die Arme dicht am Körper lief er voran, vorbei am Kokon und den rettenden Fliesen entgegen. Dann aber wurde das Fauchen lauter und die Gestalt des Mädchens sprang über ihn hinweg, bis zur Decke empor, und landete direkt vor ihm. David versuchte stehen zu bleiben, schlitterte aber auf dem schwarzen Etwas weiter. Er fuhr herum, sah noch, wie auch ihr Meister auf ihn zuflog. Sein mächtiger Körper begrub den seinen unter sich, drückte ihn zu Boden. Die beiden Fangzähne bohrten sich in das Fleisch seines Halses und labten sich an seinem Blut. 

David hob den Blick, spürte, wie das Leben aus ihm wich. Ein helles Licht erschien an der Decke, doch kein Engel stieg aus diesem hervor, um ihn hochfahren zu lassen. Nur ein breiter Schriftzug, und in diesem Moment verschwand all seine Angst. 

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