Mord in der Antarktis
Amundsen-Scott Südpolstation, Mannschaftsquartier, 05:25 UTC+13:00
Die Container der Forschungsstation zogen sich wie eine blaue Perlenkette durch das ewige Eis der Antarktis. Bis zum Horizont nichts als Schnee und todbringende Kälte. Der Tod selbst aber hatte bereits Einzug in einen der Container gefunden. Danielle und Laurence standen sich im Mannschaftsquartier gegenüber, die zittrigen Finger um den noch heißen Morgenkaffee gelegt. Ihre Blicke wanderte von dem des anderen zum Boden hinab und über die Leiche. Die Blutlache unter dem toten Körper glänzte im künstlichen Licht, wie auch der Schaft des Küchenmessers, das in dessen Brust steckte.
»Was ist hier passiert?«, fragte Danielle und strich sich das zerzauste Haar aus dem jugendlichen Gesicht.
»Der erste Mord in der Antarktis.«
Laurence nahm gelassen einen Schluck vom Kaffee.
»Aber…nur wir drei sind hier. Auf der gesamten Station.«
Ihre Blicke trafen sich erneut.
»Dann ist einer von uns der Mörder.«
Amundsen-Scott Südpolstation, Mannschaftsquartier, 05:45 UTC+13:00
Danielle genoss das heiße Wasser, das über ihre Haut lief und sie wärmte. Dampf hatte bereits die Duschwand beschlagen und schützte sie vor neugierigen Blicken. Den ihren richtete sie gegen die weiße Wand, denn kaum schloss die Augen, sah sie Stewarts Leiche vor sich. Seinen blutenden Körper, die leeren Augen. Danielle begann zu zittern.
Ein Geräusch mischte sich unter das plätschernde Wasser. Schritte. Mit einer raschen Bewegung drehte sie das Wasser ab und lauschte, doch da war nichts mehr. Danielle sah sich um, suchte nach etwas, das sie als Waffe verwenden konnte, fand in der schmalen Duschkabine aber nichts dergleichen.
Ihr Herz hämmerte stärker gegen die Brust, pumpte Blut durch ihre Adern und in ihren Kopf, der unter dem Pochen dröhnte. Danielle strich das nasse, schwarze Haar hinter die Schultern und lehnte sich nach vor. Noch immer war die Duschwand beschlagen, schützte auch vor ihrem Blick. Zaghaft hob sie die Hand, legte die Finger lautlos an das Plexiglas und schob sie beiseite. So leise sie konnte atmete Danielle aus. Ihre Stirn schmiegte sich an die warme und feuchte Oberfläche, ihre Augen irrten suchend umher.
»Buh.«
Laurences schwarzes Gesicht erschien vor ihr und zog eine Grimasse. Danielle schrie laut auf, torkelte zurück und verlor auf dem nassen Boden das Gleichgewicht. Ihre Hände griffen suchend nach Halt und bekamen die Armatur zu fassen. Sie reichte nicht, um den Sturz zu vermeiden, aber verhinderte, dass sie hart aufschlug. Nackt und mit gespreizten Beinen zog sie sich wieder hoch. Laurences lustvolles Lachen begleitete ihre Bewegungen.
»Bist ganz schön schreckhaft für eine Mörderin.«
Laurence stand direkt vor der Duschwand und hielt ein schmales Messer in Händen. Mit geschickten Bewegungen schnitt er Scheiben aus einem Apfel und schob sich diese in den Mund.
»Bist du irre?«
Danielle keuchte, fing sich nur langsam wieder. Das Blut trieb nun auch Schamröte in ihr Gesicht.
»Ich bin Wissenschaftlerin, und du ein Perverser«
»Das eine schließt das andere nicht aus.«
»Verpiss dich.«
»Schon gut.«
Laurence hob die Arme.
»Ich wollte nur fragen, was wir mit dem Fettsack machen. Auch wenn es hier arschkalt ist, wird er bald zu stinken beginnen. Also, noch mehr als sonst.«
»Verschwinde endlich.«
Laurence nickte, warf noch einen flüchtigen Blick auf Danielles Körper und verzog die Lippen zu einem Grinsen. Dann verließ er das Badezimmer. Danielles Blick folgte ihm.
Amundsen-Scott Südpolstation, Mannschaftsquartier, 06:00 UTC+13:00
Laurence stand am Rande der Blutlache und ließ den Blick über die Leiche schweifen. Etwas an ihrem Arm zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Er ging in die Knie und schob den Ärmel des Toten hoch. Die Kratzspuren zogen sich vom Handgelenk beinahe bis zum Ellenbogen. Instinktiv sah er auf seine Hände hinab, deren Fingernägel stumpf und abgekaut waren. Laurence warf einen Blick in Richtung des Badezimmers. Sie kommt. Die Tür öffnete sich und Danielle trat heraus, ein Handtuch um den Kopf gewickelt.
Laurence schoss hoch. Seine Knie quittierten die hastige Bewegung mit einem lautstarken Knacken und schmerzten für einen Moment. Auch sein Herz überschlug sich beinahe ob der kleinen Anstrengung. Ihm wurde schwindlig. Danielle blieb wenige Schritte von ihm entfernt stehen, bedachte ihn mit prüfendem Blick. Niemand sprach etwas, niemand bewegte sich.
»Was machen wir jetzt mit dem Fettsack?«
»Nenn ihn nicht so.«
»Was denn? Du konntest ihn doch auch nicht leiden.«
»Deswegen muss ich nicht so ein Arsch sein.«
»Ich bin also der Arsch?«
Laurence lachte.
»Er war in dich verschossen und du hast es Tag und Nacht ausgenutzt. Wer ist hier der Arsch?«
»Wenn er alles für mich getan hat, warum sollte ich ihn dann umbringen?«
Laurence zuckte mit den Schultern.
»Ich weiß nicht. Vielleicht hat er dich bedrängt, weil er endlich zum Stich kommen wollte.«
Danielle schnaufte empört.
»Ich bitte dich.«
»Stimmt, dann hätte er dich getötet.«
Laurence drückte beide Handflächen aufeinander und untermalte dies mit einem Geräusch, als zerquetsche er etwas.
Danielle schüttelte abschätzig den Kopf.
»Bringen wir ihn hinaus. Die Kälte wird ihn gut konservieren.«
Sie zeigte auf das Messer in Stewarts Brust.
»Und zieh das Ding raus. Wie sieht das denn aus?«
»Na klar, und meine Fingerabdrücke sind dann an der Mordwaffe.«
»Du bist doch gut mit Messern.«
Laurence blickte verstohlen zu den Kratzspuren an der Leiche, dann zu Danielles Fingern, die neben ihrer Hüfte baumelten. Jeden zierte ein langer, gepflegter Nagel.
Danielle schnaubte abfällig, trat dann an den Toten heran. Selbst während sie nieder kniete, ließ sie Laurence nicht aus den Augen. Nur kurz wandte sie den Blick ab, um das Messer aus dem Fleisch zu ziehen. Das Blut um die Wunde herum war bereits getrocknet. Danielle kam wieder hoch, hielt die Waffe weiterhin fest zwischen ihren Fingern und wandte sich Laurence zu.
»Jetzt zu dir.«
Amundsen-Scott Südpolstation, Mannschaftsquartier, 06:15 UTC+13:00
Danielle schloss hinter Laurence die Tür, als dieser den Leichnam ins Freie hinaus gezogen hatte. Schnee und Eis waren durch den schmalen Spalt ins Innere geblasen worden und mischten sich nun mit dem verschmierten Blut. Danielle kümmerte sich nicht weiter darum. Sie schlich geduckt zum Fenster und sah Laurence nach, bis er im Schneegestöber verschwunden war. Danielle kam hoch und eilte tiefer in den Container, vorbei an ihrer Kabine und hinein in Laurences. Überall lagen Kleidung und Gegenstände, sogar angebissene, gärende Äpfel.
»Ekelhaft.«
Danielle ließ den Blick schweifen und schlich verstohlen durch das Zimmer. Der Ekel aber war zu groß, um etwas anzufassen und sich genauer umzusehen. Da ihr nichts ins Auge sprang, verließ sie den Raum wieder und kehrte in den Eingangsbereich zurück. Auf ihrem Weg dorthin hielt sie im Küchenbereich und füllte einen Kübel mit Wasser, dem sie auch Putzmittel zusetzte. Der beißende Geruch der Chemikalie brannte in ihrer Nase.
Den Kübel in Händen kniete sie sich schließlich wieder neben die Blutlache und begann zu schrubben. Das Rot löste sich überraschend leicht vom Boden und hinterließ keinerlei Spuren. Dann, etwas am Rande der Lache, lag etwas im Blut. Von hier aus konnte sie nicht erkennen, was es war. So stand sie auf, ging um die Lache herum und beugte sich hinab. Zaghaft griff sie in das Blut und nahm das kleine Etwas an sich. Es war hart und weich zugleich. Danielle drehte das Stück Apfel zwischen ihren Finger und spähte zum Eingang, vor dem Schnee und Eis bereits wieder schmolzen. Dann warf sie es in den Kübel. Hastig schrubbte sie auch den Rest des Blutes weg, warf immer wieder einen Blick zum Eingang. Mit jeder Bewegung schlug ihr Herz schneller und pumpte Adrenalin durch ihren Körper. Jede Sekunde erwartete sie, dass Laurence zurück kam.
Nach getaner Arbeit packte sie den Kübel und eilte in die Küche. Durch ihre hastigen Schritte schwappte das rötlich gefärbte Wasser über und auf den Boden. Obwohl es gegen ihren Sinn für Ordnung verstieß, blieb sie nicht stehen, um auch diese Stellen aufzuwischen. Dafür habe ich jetzt keine Zeit.
In der Küche angekommen, leerte sie den Inhalt in den Abfluss, nur das Stück Apfel wollte nicht darin verschwinden. Sie griff danach und warf es in den Müll. Danielle stemmte die Hände gegen die Armaturen und holte tief Luft. Neben dem Spülbecken lag weiter die mit Blut überzogene Mordwaffe und zog ihren Blick auf sich. Sie hatte nicht gewusst, wo sie diese sonst hätte hinlegen sollen. Schmutziges Besteck gehört nun mal zum Spülbecken.
Danielle nahm sie an sich, drehte den Griff zwischen ihren Fingern und legte sie dann in das Spülbecken, das sie mit heißem Wasser und Putzmittel füllte. Mit dem Schwamm daneben reinigte sie die Klinge vom Blut, säuberte auch den Griff. Als das Messer wieder glänzte, schwenkte ihr Blick zum Messerblock. Vier unterschiedlich große Messer steckten darin. Ein Platz, der größte, war frei. Danielle führte die gereinigte Waffe zum freien Schlitz, in den es sanft hinein glitt und beim Schaft anstieß. Ein schmales Lächeln zog sich über ihre Lippen. Jetzt ist wieder Ordnung.
Ihr Blick blieb am Messerblock haften, wanderte über die hervorstehenden Griffe und verharrte am kleinsten von ihnen. Danielle spähte in den Flur hinaus, griff dann nach dem Messer und schob es in ihren Hosenbund. Das T-Shirt zog sie darüber, versuchte auch die kleine Ausbeulung zu verdecken. Dann verließ sie die Küche wieder und pfiff ein Lied, das ihr gerade durch den Kopf ging.
Amundsen-Scott Südpolstation, Mannschaftsquartier, 06:38 UTC+13:00
Laurence schob sich durch den schmalen Spalt ins Innere des Containers und sperrte Wind und Kälte aus. Seine Finger waren steif und seine Zehen froren. Viel länger hätte er es im Freien nicht mehr ausgehalten. Er legte Parka und Handschuhe ab, rieb sich die Hände und sah sich um. Vom Blut war nichts mehr zu erkennen. Danielle hatte das Rot fein säuberlich vom Boden geschrubbt, wie sie es versprochen hatte. Laurence quittierte diese Tatsache lediglich mit dem Rümpfen der Nase.
Sein Weg führte ihn in die Küche und zu einer heißen Tasse Tee. Von Danielle fehlte jede Spur. Wo ist sie bloß? Er schüttelte den Gedanken eines Hinterhaltes ab und setzte Wasser auf. Dabei fiel sein Blick auf den Messerblock neben dem Spülbecken. Eines fehlt. Er sah sich um, öffnete sogar Laden und Schränke, doch das kleine Gemüsemesser blieb verschwunden. Danielle liebt Ordnung. Sie würde niemals zulassen, dass eines der Messer nicht an seinem Platz liegt. Dann schob sich ein leichtes Lächeln auf Laurences Miene. Sie wird doch nicht… Er griff nach dem größten Messer und verbarg es in der Bauchtasche seines Sweaters. Wie du willst, Süße.
Er wartete, bis das Wasser kochte und Zischen den Raum erfüllte. Der Geruch von Kamille mischte sich darunter und beruhigte ihn. Mit der Tasse in der Hand verließ er die Küche wieder und begab sich in den Gemeinschaftsraum. Hier bist du also. Danielle saß auf der roten Couch aus Stoff und las in einem Buch.
»Hast du alles erledigt?«, fragte sie, ohne den Blick vom Buch zu nehmen.
»Habe ich.« Nur du fehlst noch.
»Sehr gut.«
Laurence ging langsam vorwärts, hinter der Couch entlang. Auf Höhe Danielles hielt er kurz inne. Die freie Hand glitt in die Bauchtasche und spürte den Stahl. Nur eine schnelle Bewegung. Dennoch ging er weiter und ließ sich im Sessel gegenüber nieder. Die Tasse Tee stellte er auf dem Boden nieder. So saß er da, den Blick auf Danielle fixiert, die ihn ignorierte. Nur ab und zu hob sich ihr Blick und traf den seinen.
»Wie ist es draußen?«
»Kalt.«
Danielle nickte.
»Der Wind?«
»Stärker«
»Gutes Gespräch.«
»Finde ich auch.«
Momente der Stille folgten, die Laurence schließlich brach.
»Sag, das Gemüsemesser fehlt. Weißt du, wo es ist?«
Danielle sah nicht vom Buch auf.
»Nein.«
»Seltsam, wo du doch so ordnungsliebend bist.«
»Ich habe aufgegeben, hinter dir her zu räumen.«
»Wirklich? Seit wann das.«
Danielle sah kurz zu ihm auf.
»Seit eben.«
»Aja.«
Laurence klopfte mit den Fingern auf die Lehne seines Stuhls, sein Blick schwenkte wahllos umher. Dann fiel er auf Danielles Körper und glitt daran hinab. Sie saß tief auf der Couch, die Beine auf dem Tisch davor und beinahe ausgestreckt. So bemerkte er die kleine Delle an ihrem sonst so flachen und trainierten Bauch.
»Was versteckst du denn Kleines in deiner Hose?«
Danielle lächelte.
»Einen Penny für jede Frau, die das schon zu dir gesagt hat.«
»Tja, Pech für dich, dass ich jetzt etwas Größeres habe.«
Laurence zog das Messer aus der Bauchtasche und drehte es gut sichtbar vor seiner Brust.
Danielle nickte, zog dann die Beine an und stellte sie auf den Boden. Das Buch hielt sie weiterhin in der Hand. Dann, für einen Moment, spähte sie zum Flur.
»Schaffst du es rechtzeitig, oder bin ich schneller?«, fragte Laurence.
»Finden wir es heraus.«
Danielle sprang auf, warf ihm das Buch entgegen und lief los. Sie sprintete an der Couch vorbei und in den Flur hinein in Richtung Küche. Hinter sich hörte sie Laurences Schritte. Im kleinen Zimmer angekommen, eilte sie zum Messerblock und zog das größte verfügbare heraus. Sofort wandte sie sich dem einzigen Eingang zu, aber Laurence erschien nicht. Auch seine Schritte waren verstummt.
Danielle hielt das Messer vor ihren Körper, tänzelte wie ein Boxer vor dem Spülbecken. Dann fiel ihr der Wasserkocher auf, von dem aus noch schwach Dampf aufstieg. Ohne den Eingang aus den Augen zu lassen, hob sie den Behälter an. Es ist noch etwas drinnen. Langsam füllte sie das fast noch kochend heiße Wasser in eines der Thermogläser, die in Reih und Glied hinter dem Spülbecken standen, und nahm es an sich. Sie selbst ging etwas zur Seite, um nicht unmittelbar hinter dem Eingang zu stehen.
»Na, was ist mit dir. Hat dich der Mut verlassen?«, rief sie.
»Nur keine Angst, ich komm dich schon holen. Du sitzt in der Falle«
»Wenn du dich nicht beeilst, sterbe ich noch vor Langeweile«
»Ich bin klüger als du denkst«
Danielle lachte.
»Du bist zumindest der Zweitklügste in der Antarktis. Aber nur knapp vor Stewart.«
Momente vergingen, in denen nichts geschah. Na komm schon.
Dann huschte ein Schatten in das Licht. Kurz darauf füllte sich die Küche mit weißem Pulver, das ihr die Sicht nahm. Danielle wich zurück, bis ans Ende der Küche. Das Zischen des Feuerlöschers verstummte und die Ruhe kehrte zurück. Danielle legte das Messer beiseite, um sich das T-Shirt über Mund und Nase zu ziehen. Da tauchte Laurences Gestalt vor ihr auf, das Messer bis zum Kopf erhoben. Danielle reagierte schnell und schüttete ihm das Glas Wasser entgegen. Laurence schrie auf, wankte, aber ließ das Messer nicht fallen. Danielle griff nach dem ihren, machte einen großen Schritt und rammte ihm die Klinge in den Bauch.
Laurence schrie erneut, aber auch er führte die Waffe und stieß sie bis zum Schaft ins Danielles Schulter und ihren Hals. Wieder und wieder stachen sie aufeinander ein, verkeilten sich ineinander und ließen nicht los. Blut spritzte aus Dutzenden Wunden und mischte sich mit dem weißem Pulver. Rasch wurden die Bewegungen langsamer, schwächer. Immer noch ineinander verkeilt sanken Danielle und Laurence zu Boden, den Blick auf den anderen gerichtet. Beide bewegten die Lippen zu ihren letzten Worten, die sie wie im Chor sprachen.
»Ich habe ihn nicht umgebracht.«
Amundsen-Scott Südpolstation, Stewarts Zimmer, 03:32 UTC+13:00
Ich werde hier verrecken. Stewart stemmte sich an der Toilette hoch, in der er den Inhalt seines Magens erbrochen hatte. Milchreis und Blut. Er wischte mit dem Handrücken über den Mund und stöhnte. Verdammter Krebs. Kaum wieder auf den Beinen, zog ihn Schwindel zur Seite und ließ ihn gegen die Wand stürzen. In den letzten Tagen hatte sein Körper immer mehr Funktionen eingestellt und nicht mehr ordnungsgemäß erfüllt. Auch das Schwitzen nahm immer mehr zu. Drei Monate dauerte die Expedition noch. Drei Monate, die er nicht mehr hatte.
Stewart schleppte sich aus dem Badezimmer. Obwohl es ihm im Grunde egal war, versuchte er dennoch leise zu sein, um Danielle und Laurence nicht zu wecken. Danielle. Je stärker sein Körper im Verfall begriffen war, desto ausgeprägter war nun seine Fantasie. Beinahe täglich war er in den letzten Tage aus feuchten Träumen erwacht, roch noch ihr billiges Parfüm, das ihm aus dem Traum gefolgt war.
Stewart wusste, dass seine Annäherungen nicht erwidert, sogar ausgenutzt wurden. Auf seine letzten Tage hin aber genoss er einfach Danielles Anblick und ließ auch Laurences Beleidigungen über sich ergehen. Sein wissenschaftlicher Durst war bereits lange gestillt und auch nicht Grund für diese Reise. Er wollte nur nicht Zuhause sterben. Nicht allein. Dem Expeditionskomitee seine Krankheit zu verschweigen war wohl die größte Errungenschaft in seinem Leben.
Wie in Trance und in Erinnerungen schwelgend schleppte sich Stewart die Wand entlang. Sein Blick verlor sich im Nirgendwo, als leide er unter hohem Fieber. Dann, völlig entkräftet, rutschte er zu Boden und atmete schwer. Hier endet es also. Er seufzte. Ich sterbe erst recht allein und diese beiden Assozialen finden mich. Ich kann schon ihre Witze hören, während sich Danielle die Nägel macht und Laurence mit dem Messer seine Äpfel schneidet. Stewart lächelte schmal. Ich wünschte, ich könnte ihnen noch einmal alles heimzahlen. Er kramte in seinen Erinnerung, holte all die Schmähungen und Abweisungen zurück an die Oberfläche, um ein letztes Mal Kraft zu schöpfen. Bilder durchschossen seinen verblassenden Verstand und hüllten ihn in ungeahnte Kreativität. Dann kam ihm eine Idee.